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Offener Brief an die Friedensbewegung:
"Wider die politische Naivität"
An die Friedensbewegung,
an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Friedensdemonstration
Am vergangenen Wochenende nahmen in Berlin gut eine halbe Millionen
Menschen unter der einenden Parole "Kein Krieg im Irak’ an der größten
Demonstration der vergangenen Jahre teil. In der Öffentlichkeit wird
dieses Ereignis als machtvolle Demonstration der um Frieden Besorgten verstanden
und nicht nur in Sachen medialer Aufmerksamkeit als politischer Erfolg bewertet.
Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieses Briefes, können
uns einer solchen Sichtweise nicht anschließen.
Um die Gefährlichkeit und Brutalität des irakischen Regimes
und das Leiden der irakischen Bevölkerung unter Saddam Hussein kann
man wissen und dennoch unterschiedlicher Auffassung über das Für
und Wider eines großangelegten Militärschlages sein. Unsere
Stellungnahme ist jedoch kein Beitrag zu dieser Diskussion. Vielmehr geht
es uns darum, einige kritische Anmerkungen zum Zustand der Friedensbewegung
zu machen.
Im Vorfeld der Demonstration wurde klar, dass auch Gruppierungen dorthin
mobilisierten, deren politisches Weltbild durch Nationalismus, Rassismus
und Antisemitismus bestimmt ist. Den drohenden Imageschaden vor Augen und
bereits mit vereinzelten Kritiken konfrontiert, kündigten die VeranstalterInnen
an, entsprechende Transparente entfernen zu lassen. Es dämmerte den
OrganisatorInnen offensichtlich, dass sich eine Demonstration, die sich
dem Thema "Frieden’ verschrieben hat, politisch unglaubwürdig macht,
wenn sie solche Kräfte in ihren Reihen duldet.
Trotzdem waren am Wochenende neben Deutschlandfahnen und geschichtsrevisionistischen
Plakaten u.a. israelfeindliche Sprechchöre zu hören. Daneben
wurde auf Transparenten, Israel als Strippenzieher im Irakkonflikt halluziniert,
wurden seine Politiker als "Kindermörder’ beschimpft und vereinzelt
gar Fahnen der islamistischen Hamas und Hisbollah geschwenkt.
Geprägt war die Demonstration jedoch vor allem durch eine gefährliche
Mischung aus Antiamerikanismus und politischer Naivität. So war auf
Transparenten und Schildern einerseits das ganze Arsenal des antiamerikanischen
Ressentiments zu finden: der Wille zur Weltherrschaft, die Stilisierung
des amerikanischen Establishment zu blutrünstigen Kriegstreibern, die
Identifizierung der USA mit Geld und kaltem Interesse, die Kulturlosigkeit
der Amerikaner und daraus fast zwingend folgend: die einseitig positive Besetzung
des europäischen Gegenentwurfs (nicht zuletzt ausgedrückt durch
die trotzige Bezugnahme auf das von Donald Rumsfeld ausgemachte "alte Europa’).
Darüber hinaus war eine spezifisch deutsche Wendung dieses Ressentiments
unübersehbar. Auf vielen Plakaten und Transparenten wurde die Politik
der Amerikaner mit dem deutschen Vernichtungskrieg analogisiert und die
Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten im zweiten Weltkrieg mit
einem möglichen Angriff auf den Irak in eine Reihe gestellt.
Andererseits offenbarte sich der zentrale Topos "Frieden’ als ein
Begriff, der zu nichts weiter beizutragen scheint, als das Bedürfnis
nach politischer Unschuldigkeit zu bedienen. So durften sich alle unter
den Bannern und Gesängen des Friedens als Teil einer großen
Familie fühlen. Die Gemeinschaft der Guten, die nichts weiter will,
als dass alle in Frieden leben können. Widersprüche haben in
diesem naiven Bedürfnis keinen Platz: Dass die Abwesenheit eines Militärschlages
im Irak noch lange keinen Frieden bedeutet, dass sich in den letzten Jahrzehnten
im arabischen Raum eine schlagkräftige islamistische Terrorbewegung
gebildet hat, die allen emanzipatorischen Errungenschaften den Krieg erklärt
hat, dass diese Bewegung jüdischen Israelis das Recht auf Leben abspricht
und dafür u.a. von Saddam Hussein in Form von finanziellen Zuwendungen
für die Familien von Selbstmordattentätern belohnt wird, all das
sind Realitäten, die man schnell ausblendet, wenn man den Plänen
zu einem gewaltsamen "Regime-Change’ einen abstrakten Wunsch nach Frieden
entgegensetzt.
Dieser diffuse Friedensbegriffs, in Verbindung mit antiamerikanischen
Feindbildern, ist nicht zuletzt der Grund dafür, dass sich rechtsradikale
Gruppierungen zu der Demonstration im Vorfeld durchaus eingeladen fühlen
durften. Die Warnung vor einer Weltherrschaft der USA, die Stilisierung
ihrer Politiker zu schießwütigen Cowboys, der Verzicht auf eine
ernsthafte Analyse und Kritik der Verhältnisse im Irak, die über
Lippenbekenntnis hinausginge, die unkritische Haltung gegenüber islamistischen
und anderen extremistischen Strömungen im arabischen Raum, die Mobilisierung
der deutschen Bevölkerung über das Ticket der Angst, welche man
aus eigener Erfahrung, der Bombardierung Dresdens, kenne, all das sind Elemente
eines Diskurses, der ohne große Mühe anschlussfähig an rechtsextreme
und antisemitische Denkmuster ist.
Es ist anzunehmen, dass die Demonstration vom vergangenen Samstag
nicht die letzte ihrer Art gewesen sein wird. Daher rufen wir all jene
auf, die sich als kritischer Teil der Friedensbewegung begreifen, inhaltliche
Debatten anzustoßen und die Differenzen zu Strömungen deutlich
zu machen, deren Weltbild durch Antiamerikanismus und politische Naivität
geprägt ist.
17. Februar 2003
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Unterzeichner und Unterzeichnerinnen
- Bündnis gegen Antisemitismus (BgA), Berlin
- Ralph Giordano, Schriftsteller
- Lea Rosh, Publizistin, Vorsitzende “Förderkreis
Denkmal für die ermordeten Juden Europas”
- Dr. Alexander Brenner, Vorsitzender der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin
- Jakob Schulze-Rohr, Architekt, Vorstand “Förderkreis
Denkmal für die ermordeten Juden Europas”
- Professor Andrei S. Markovits, Harvard University
und University of Michigan, USA
- Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstandes der Amadeu-Antonio-Stiftung,
Berlin
- Prof. Dr. Michael Wolffsohn
- Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Berlin/Potsdam
- Dr. Elvira Grözinger, Berlin/Potsdam
- Prof. Dr. Gerald Feldman, Director of the Institute
of European Studies University of Berkeley, USA; Present Alexander von Humboldt
Foundation Prize Fellow working at the Wissenschaftszentrum Berlin
- Aktion 3. Welt Saar, aktiv in der Friedensbewegung
- Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland
e.V.
- Ilka Schröder, Mitglied des Europäischen
Parlaments, parteilos, Berlin
- Prof. Jeffrey Herf, Department of History, University
of Maryland College Park, USA
- Gitti Götz
- Szabine Adamek, Bündnis “Demokratie jetzt!”
- Dr. Gideon Richter, Vorsitzender des Landesausschusses
der Jüdischen Gemeinden in Hessen; Vorstand der Jüdischen Gemeinde
Wiesbaden
- Boris Schapiro, Unternehmensberater, Repräsentant
und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
- Thomas Richter, Vorstandsmitglied des Vereins für
ein multikulturelles Europa e.V.
- Dr. Frank Matheus, Pastor
- Rabbiner Walter Rothschild, Rabbiner Beth Shalom Liberale
Jüdische Gemeinde, München
- Doz. Dr. Dr. Volker Thieme, Arzt
- Sigmount Königsberg, Berlin
- Dr. Tobe Levin Freifrau von Gleichen
- Dr. Martin Kloke
- Dr. Daniel Korn, Frankfurt am Main, Gründungsmitglied
der Initative „Honestly Concerned“
- Dr. Martin Jander
- Iris und Urs Pollatschek, Frankfurt am Main
- Jeremiah M. Riemer, Politologe und Freier Übersetzer,
USA, z.Zt. Hamburg
- Prof. Dr. Wolfgang Seibel, Universitaet Konstanz;
currently: Institute for Advanced Study, School of Historical Studies, Princeton,
USA
- Prof. Dr. Roland Hornung
- René Pollak, Vorsitzender des Vorstandes der
Zionistischen Organisation Frankfurt e.V. (ZOF)
- Sharon Wølk, herausgebern AVIVA-Berlin.de –
Online Magazin für Frauen
- Marc Neumann, MA Historiker, Siegen
- Bringfield Lilke, Pasto i.R., Freilingen
- Andrea Lauser, Deutsch-Israelische Gesellschaft, Freiburg
- Matthias Küntzel
- Frank Matheus
- Elke Schulz
- Michael Rozov, Bonn
- Christian Mosch
- Sebastian Voigt, Student, University of Massechusetts,
Amherst
- Rolf Schnitzel, Düsseldorf
- Monika Schmitz, Mitglied im „Forum für Israel”
- André Koch, Eberswalde
- Mario Heidrich, doogy.com – internet consulting
- Martin Endemann, Berlin
- Markus Vallen, Möchengladbach
- Kerstin Heimbold, Borsdorf
- Albrecht Lohrbächer, evangelischer Schuldekan
- Hella Stern, Steuerberaterin
- Ch. Steinwurz, Gehörlosenpädagogin
- Olaf Lemke, Antiquitätenhändler
- Heinz und Siegrid Rudolph
- Hans-Werner Vollmann
- Hans Schneier
- Heribert Mühlberger
- Regina Wagner
- Ramon Pauli
- Jörg Haller
- Markus Redlich
- Christiane Schunke, Berlin
- Eric Essen
- Barbara Schäuble, Erfurt
- Martin Krauß, Journalist
- Ruth Tewes, Leonberg
- Afra huber, autorinnenkollektiv
- Barbara Ehrt, Goslar
- Jörg Krug, Berlin
- Eva Vöhringer
- Dr. Otmar Vöhringer, Universitätsprofessor
- Carla Weimar
- Dr. Carsten Nordhoff
- Gitta Mohrdieck, “Honestly Concerned”
- Esther Sharell
- Broni Warman, WIZO
- Heidi Heinrich
- Peter Renger
- Anke Reichert
- Miro Jennerjar
- Dipl. Ing. Ralf Türkis
- Dietmar Hecht MA, Lehrer, Ahlen
- Kay Lorey, MA
- Ruth Frenk, Konstanz
- Igor Davidovski, Mitglied im Verband jüdischer
Studenten in Hessen, Frankfurt am Main
- Dr. Juliane Rauprich. Ilmenau
- Wolfgang Rauprich, Ilmenau
- Rosemarie Matuschek, Berlin
- Hannelore Jael Richter, Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen
Gesellschaft Wiesbaden
- Iris Malitz, Freiburg
- Werner Stenzig
- Sammy Speier, Psychonanlytiker, Frankfurt am Main
- Mario Shabariz, Mainz
- Jan Albers, MA
- Boris Golubetz, Stuttgart
- Marcel Müller, Erfurt
- Sarah Böttger
- Hanna Keding
- Kristina Kielblock
- Sebastian Diercks
- Jörg Waßmer
- Peter Bienwald
- Bob Wittenzellner
- Gabriela Fenyes, Journalistin,Hamburg
- Leah Carola Czollek, Mediatorin, Berlin
- Dr. Gudrun Perko, Philosophin, Wien
- Sabine Wolff,Geschäftsführung des NEUEN
FORUM und Stadträtin der HAL-Fraktion NEUES FORUM
- Heiko Fähndrich
- Marcel Kopito , Weinheim
- Jörg Fiebelkorn, Hamburg
- Johannes Barth, Mannheim
- Herbert Maly, Luxembourg
- Wahied Wahdathagh, Berlin
- Ilona Balke, Hannover
- Dr. Winfried Balke, Hannover
- Wolfgang Buckmann, Berlin
- Edgar May, Musiker, Berlin
- Gebhard Schultz, Berlin
- Hartmann Schmige, Drehbuchautor, Berlin
- Family Heim, Schweden
- Karola Conrads-Butenhof, Bonn
- Martin Kesting, Berlin
- Paul Hoffmeister
- Dr. Rainer Hörning
- Eberhard Koch, Lehrer
- Maria Gierse –Westermeier, Supervisorin
- Istun Toth, Berlin
- Tsvi Yeshurun
- Johanna Funke, Karlsruhe, Stellvertretende Sprecherin
der Sektion Nordbaden der Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie"
e.V.; Mitglied des Vorstands der Regionalgruppe Baden-Württemberg von
"Gegen Vergessen...“
- Annette Frölich, Wiesbaden
- Dirk Bungart
- Thomas Roosch
- Dr. Thilo Rennert, Bochum
- Johannes Platz, Trier, Historiker
- John Barrows
- Dr. Birgit Schintlholzer-Barrows, Mitglied im Verein
GEGEN VERGESSEN_FÜR DEMOKRATIE
- Dr. Maria und Peter Biesold, Berlin und Wittmund/Niedersachsen
- Ulrich Ballon, Lehrer, Berlin
- Maria Ballon, Studentin, Berlin
- Jin-U Kim, Student, Berlin
- Rachel Singer
- Karin Kleist
- Norbert Kleist
- Richard Borg, Vorstandsvorsitzender der Synagogengemeinde
Saar
- Alex Feuerherdt, Buchhändler, Bonn
- Doerte Eriskat, Berlin
- Tom Ausländer, Mitglied ffi
- Emily Berns Heyser, Amerikanerin in München
- Thomas von der Osten-Sacken, WADI e. V., Frankfurt a.
M.
- Lars Rensmann, Berlin
- Gerd Kurbjuhn
- Ingo Stange, Kultur- und Theaterwissenschaftler, Wurzen
- Astrid Haarland, www.anoteron.de, Köln
- Tamara Mandel
- Steffen Jörg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
- Johannes Lutz
- Yoram Ehrlich, Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Saar
(2. Vorsitzender), Mitglied des Bundespräsidiums der DIG
- Niels Gatzke, Referent AStA Universität Potsdam
- Thomas Hölzer, Pfarrer, Siegen
- Stefan Biber, Köln
- Harald Eckert, Christliche Freunde Israels e.V.
- Maria Stenzig
- Dr. Lore Finkelstein-Jenne, Diplompsychologin, Haarlem [Niederlande]
- Lothar Fritz, Berlin
- Ralf Jaster, Tübingen
- Robert Roizman
- Ingo Way
- Anton Brenner, PDS-Stadtrat in Tübingen
- Johann Behrendt, Berlin
- Jutta Faerber, Düsseldorf
- Andrew J. Brehm, Junge Liberale Berlin Steglitz-Zehlendorf
Stand: 20.03.2003, 18:00 Uhr:
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